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Dieser Artikel – der mir sehr wichtig ist -wurde von mir aus dem Internet-Archiv WAYBACKMACHINE gerettet. Das Thema ist nach wie vor aktuell!

Basierend auf der Frage: „Hat eine Hartz 4 Familie eigentlich genug zum Leben“ haben wir einen Selbstversuch gestartet. Hier der Link zu dem Startartikel über Hartz 4. Ab dem 01.11.2010 lebten wir mit dem, uns zustehenden Hartz 4 Regelsatz von 730,00 EUR für unsere 3-köpfige Familie.

Nachdem nun 14 Tage um sind, können wir eine erste Bilanz ziehen.

Erste Korrekturen & Neuberechnung

Es ist ja nicht ganz einfach, seinen eigenen Hartz 4 Satz zu ermitteln. Ich habe jetzt noch mal einen Hartz 4 – Rechner von sozialhilfe24.de bemüht und komme auf folgendes Ergebnis.

Antragsteller: 323,10 EUR
Ehepartner: 323,10 EUR
Kind: 215,40 EUR
Miete: 700,00 EUR
Heizkosten (-15% Warmwasser): 150,06 EUR
(da das Kindergeld wieder abgezogen wird, lasse ich es hier weg!)

Gesamt: 1.527,66 minus Miete 700,00 EUR ergibt ein Haushaltsnetto von 827,66 von dem wir unsere Fixkosten abziehen. Dies wären die Kosten für Warmwasser ca. 30,00 EUR, Strom ca. 55,00 EUR und Kosten für Internet und Telefon von ca. 30,00 EUR. Verbleibt auch hier ein Betrag von 747,66 die wir jetzt gegen die Ausgaben rechnen können.

Die Ausgaben

01.11.2010 – Friseur – EUR 17,00
02.11.2010 – ALDI – Lebensmittel – EUR 19,34
03.11.2010 – Rossmann – Haushaltsartikel – EUR 9,83
05.11.2010 – Hallenbad Bad Oldesloe – Eintritt – EUR 4,00
05.11.2010 – Kaufland – Lebensmittel – EUR 36,08
09.11.2010 – M & H – Zeitschriften – EUR 0,95
09.11.2010 – Apotheke – Medikamente – EUR 6,52
09.11.2010 – Penny – Lebensmittel – EUR 4,34
10.11.2010 – Praxisgebühr – EUR 10,00
11.11.2010 – Toys R Us – Geschenke für Kindergeburtstag – EUR 10,49
11.11.2010 – POCO – ein neuer Raclette-Grill und eine Leuchte – EUR 35,94
12.11.2010 – PENNY – Lebensmittel – EUR 50,42
13.11.2010 – Delikatessen Peters – Lebensmittel – EUR 7,32

Gesamtausgaben: EUR 212,23 in den ersten 14 Tagen

Das bedeutet konkret, dass wir noch 535,43 EUR 500,43 EUR für die verbleibenden 14 Tage haben.

Natürlich haben wir auf die Preise geachtet, waren aber nicht bei der Tafel, oder haben auf das geliebte Nutella verzichtet. Ich habe meinen Friseurbesuch extra auf den 01.11. gelegt, damit wir auch eine solche Leistung im Monat mit drin haben.

Warum ist dennoch „so viel“ Geld übrig?

Gespräche mit Freunden und Bekannten

Natürlich sorgte dieses Thema für reichlich Gesprächs- und Diskussionsstoff im Freundes- und Bekanntenkreis. Fast immer kam das Thema Zigaretten und Alkohol auf den Tisch. In der Diskussion wurde eine fiktive Schachtel am Tag angenommen, die beide Elternteile jeweils für sich verqualmen. Da kommen dann schon 300,00 EUR extra auf die Ausgabenseite. Und dann wäre das monatliche Budget tatsächlich ganz schön eng.

Auch wurde kritisiert, dass wir ja nicht alle Kosten sofort abstellen könnten. Dazu kann ich nur sagen, dass hier die „Kopf-in-den-Sand“ Methode nicht funktioniert. Ein Vermieter würde wohl immer einen früheren Auszug akzeptieren, als die Miete für einige Monate gar nicht mehr zu bekommen. Das betrifft genauso Leasingunternehmen, oder Anbieter von Abonnements. Also zählt auch hier das offene Gespräch.

Zusätzlich – so finde ich – hat es jeder selbst in der Hand, ob er sich für einen Handytarif 24 Monate mit einer Grundgebühr von 70,00 EUR bindet, oder ob er eines der günstigen Reseller-Programme nutzt, in dem ausschließlich die Minute (meist mit unter 15 ct) abgerechnet wird.

Kleidung & Kinderwagen

Sehr viel diskutiert wurde auch über das Thema Kleidung. Da ich natürlich im Moment für das Thema sensibilisiert bin, nehme ich auch die Werbung ganz anders wahr. Winterstiefel für den modernen Herren gibt es geradefür 24,99 EUR bei ALDI, ein Bekannter wies mich auf Deichmann hin, wo man natürlich in ähnlicher Größenordnung etwas passables bekommt.

Für unseren Sohnemann bekommen wir außerdem so viel von Verwandten geschenkt, oder man könnte auf dem Kleidermarkt preiswert Schneeanzug & Co. erstehen.

Eine spannende Anekdote erzählte uns ein Freund. Der hatte sich mit einem Bekannten (Hartz 4 Empfänger) über die Beantragung eines Kinderwagens unterhalten. Das Amt hatte „nur“ 250,00 EUR bewilligt, und er fragte sich was man damit dann wohl bekommen sollte. Auf dem Markt wäre ja nichts für so wenig Geld.

Ein weiterer Bekannter von unserem Freund (mit sehr gutem Einkommen) konnte das gar nicht verstehen. Er selbst hätte doch auch einen gebrauchten Kinderwagen benutzt und den sogar für seine beiden Kinder. Danach wurde dieser noch in der Familie weitergenutzt.

Ein gebrauchter Kinderwagen kam für den Hartz 4 Empfänger nicht in Frage.

Andere Experimente

Beim googlen bin ich auf ein anderes Hartz 4 Experiment aufmerksam geworden, das die Radio Hamburg Mitarbeiterin Silke im März 2010 durchgeführt hat. Schon das erste Bild (und auch der restliche Bericht) macht mich dermaßen sauer.

Bildquelle: Radio Hamburg (Klick auf das Bild verlinkt direkt zum Artikel)

 

Ich sehe auf den ersten Blick nur Markenware. Persil, Leibniz, Apollinaris, Brandt, VARTA, Sonnen Bassermann und zu guter Letzt auch noch Wurst von der Theke. Das alles möchte ich einem Hartz 4 Empfänger nun wirklich nicht bezahlen. Danke, dass wenigstens das Toastbrot und der Camembert als Noname-Ware mit auf dem Tisch liegt.

Noch besser wird es im Verlauf des Projektes. Nicht nur, dass Silke keine Lust hat am Kinotag ins Kino zu gehen, sondern auch das teure Eis, dass sie sich zwar mit einem schlechten Gewissen, aber doch immer wieder gönnt führt zu einem eindeutigen Ergebnis.

Das Geld ist zu knapp! So wird das auch nichts mit Hartz 4. Aber fast die gesamte Medienberichterstattung im Internet und Fernsehen ist aus meiner Sicht zu einseitig. Es ist zu wenig, es reicht nicht, die Menschen sind arm.

Das kann ich momentan allerdings noch nicht nachvollziehen. Ich bin gespannt, wie es in Teil 3 unserer Serie: „Das Hartz 4 – Experiment – ein Selbstversuch!“ aussieht – denn nächste Woche möchte ich ins Kino! Doch ich werde mir nur den Kinotag leisten (wie eigentlich immer?!).