Seite auswählen

Heute staunte ich beim Aufschlagen des Hamburger Abendblattes nicht schlecht. Ich war sogar richtig verärgert. Dort war die Untertitelzeile: „265 Architekten wollen Reinbeks neue Feuerwache bauen.“ Den Artikel habe ich hier gleich einmal verklinkt.

Hätte das Wort „Feuerwache“ nicht in der Zeile gestanden – ich hätte ja vermutet, die Elbphilharmonie Hamburg entsteht gerade noch einmal neu. Und zwar in Reinbek.

Allerdings geht es „nur“ um ein Bauvolumen von 5 Millionen. Dafür bauen andere Städte ein Schwimmbad. Oder ein Altenpflegeheim. Egal.

Jedenfalls hatten sich für den Neubau 640 Architekten registrieren lassen, von denen nun 265 Architekten einen Entwurf gezeichnet haben. Und der Bauamtsleiter Sven Noetzel findet das auch noch ganz prima. Er hatte nur mit 50 (!) Entwürfen gerechnet. Ja, in welcher Zeit leben wir eigentlich?

Neben den Menschen der Stadtplaner – die sich zwischenzeitlich wie „Bob der Baumeister“ fühlen, sind eine Menge Leute in den Prozess involviert. Die Entwürfe werden nun von einem Dutzend Experten auf DIN A3 Bögen bewertet. Anschließend geht man mit 12 Architekten-Entwürfen in die nächste Runde. Und schließlich kann der Gewinner sich ja auch über ein Preisgeld von 18.000 EUR freuen – so der Artikel. Insgesamt seien 48.000 EUR an Preisgeldern ausgelobt.

Ich kann bei so einer Haltung nur mit dem Kopf schütteln.

Macht sich eigentlich irgendein Mensch in der Verwaltung mal Gedanken über die gesamtwirtschaftlichen Kosten eines solchen Prozesses? 

Zweihundertfünfundsechzig Architekten machen eine Skizze. Diese malen Sie natürlich nicht einfach nur freihand, sondern sie machen sich mehrere Stunden darüber Gedanken. Sie plotten großformatige Plakate aus. Sie brauchen Infrastruktur und gute Ideen. Sie dokumentieren diese ansprechend und präsentationsfähig.

Selbst wenn ein Architekt diese ganzen Arbeiten von einer studentischen Hilfskraft ausführen lassen würde, kommt eine beträchtliche Anzahl an Stunden zusammen. Doch was ist, wenn er es auch noch selbst macht:

Beispiel-Hoch-Rechnung:

265 Architekten x 8 Stunden x 80,00 EUR/Stunde = 169.600 EUR Wert (die Nörgler über zu teure Architekten – die sich selbst aber immer unterbezahlt fühlen – können gerne einen Stundensatz nach belieben ansetzen)

5 Personen der Stadtverwaltung, etc. x 50 Stunden x 50,00 EUR/Stunde für die Vorbereitung = 12.500 EUR Wert (wenn man mit 50 Stunden (das ist eine Woche) für die Vorbereitung überhaupt auskommt)

12 Personen der Jury x 100 Stunden x 50,00 EUR/Stunde für die Auswertung = 60.000 EUR Wert
(es müssen 265 Entwürfe mittels 3 DIN A3 Bögen ausgewertet, beurteilt und diskutiert werden)

* in den Stundensätzen sind übrigens die Raumkosten, die zweifache Fahrt mit dem Sprinter, das Aufhängen der Pläne, das Entwerfen der A3 Auswertebögen, und auch sämtliche Nebenkosten für Infrastruktur enthalten.

Und dann stehen erst die 12 Teilnehmer der nächsten Runde fest, die dann ein Modell bauen dürfen (immerhin mit 2000 – 3000 EUR dotiert). Das wiederum wird ausgestellt und bewertet und die Jury kommt wieder zusammen.

Die Schätzung der Architektenkammer, dass so ein Verfahren mit 1-2% der Bausumme (in diesem Fall 50.000 – 100.000 EUR)  zu Buche schlägt, kann ich nicht ganz teilen. Das Ganze wird doch viel, viel teurer – hier müssen alle Prozesskosten angesetzt werden.

Wäre es nicht besser: Bei einer so „geringen“ Bausumme hätte ich mir gewünscht, dass es 5-10 Teilnehmer per Vorauswahl gibt, die gegen 3.000 EUR Honorar ein Modell und einen Entwurf erstellen. Dieser würde von einer Jury beurteilt, und dann wird gebaut.

Aber wahrscheinlich ist das wieder aus irgendwelchen kruden vergaberechtlichen Umständen nicht möglich. Bürokratie ist eben teuer. Was mich aber aufregt, ist: der Bauamtsleiter hat einfach kein Gespür für diesen ganzen Aufwand. Er lässt sich sogar zu der Aussage hinreißen: „Die Architekten haben Spaß bei der Sache“.

Ich würde gerne mal sehen, wie viel Spaß er hat, wenn er sich bei der nächsten internen Stellenausschreibung gegen 265 Kandidaten durchsetzen muss. Und dafür natürlich aufwändige Vorbereitungen treffen, und Präsentationen erstellen muss. Denn so einen Entwurf schüttelt man ja nicht mal eben aus dem Hemdärmel wie eine Lebenslauf-Kopie.

Schade, denn hier werden definitiv die vielen kostenfrei geleisteten Stunden der Architekten unter den Tisch gekehrt. Und wofür das Ganze: der HOAI-Rechner (Honorare für Architekten) zeigt bei der genannten Bausumme einen Wert von 343.879,00 EUR zzgl. MwSt. an. Ein nettes Sümmchen, aber bei einer Chance von 0,37% kann man ja schon fast auf Glücksspiel setzen, oder?

Darum ungefähr geht es also! Für einen Zweckbau, das dem Spardiktat der öffentlichen Hand unterliegt. Ich kann nicht verstehen, warum der Staat hier so viel von unserem süßen Geld (ob nun Steuergeld, oder Geld in Form von Zeit der Architekten) verbrennt.

Oh doch! Ich weiß warum er es tut. Weil er es kann! 🙂